7 Tipps für die richtige Faszien Behandlung bei Pferden

Behandlung der fascia thoracolumbalis des Pferdes mit den Unterarmen in Zig-Zag-Linie
Durch die Position des Beckens und der Beine kann man die Arme gefühlvoll entspannt halten und das Gewebe optimal spüren

Für diejenigen von Euch, die selber die Faszien ihres Pferdes behandeln wollen, habe ich hier ein paar Grundregeln erfolgreicher und wirksamer Faszien Arbeit zusammengestellt. 

 

1. Schaffe eine reizarme Umgebung

Faszien Arbeit findet nicht am, sondern mit dem Pferd statt. Sie ist letztlich ein Dialog zweier Nervensysteme. Daher ist es für dich und dein Pferd entscheidend, dass ihr Euch zuhören könnt. Am besten geht dies in einer reizarmen Umgebung, in der sich das Pferd wohl fühlt. Ich arbeite am liebsten alleine frühmorgens in der Reithalle. Ist das Pferd nicht von anderen Pferden umgeben, muß es auch nicht auf eventuell ranghöhere Pferde achten, die es vielleicht wegschicken. Die Halle ist ein vertrauter Ort an dem nicht gefressen wird, so dass auch von dieser Seite keine Ablenkung droht. Selbst meinen Rucksack lege ich weit vom Arbeitsplatz entfernt ab, so daß kein neues Objekt neugierig begutachtet werden muß.

Bevor du mit der Arbeit beginnst, beobachte dein Pferd. Es sollte bei dir sein, damit Ihr euch ungestört unterhalten könnt ohne abgelenkt zu werden. Je besser ihr euch zuhören könnt, desto erfolgreicher wird die Behandlung.

 

2. Löse dich vom Heilen-Wollen

Natürlich soll die Arbeit am Bindegewebe des Pferdes ihm das Leben einfacher machen. Das Pferd soll sich geschmeidiger und gelöster bewegen. Es soll im gesamten Körper schwingen, soll Freude und Kraft ausstrahlen. Fast jedes Pferd hat aber gewisse Themen: Es kann nicht richtig untertreten, seinen Körper besser in eine Richtung biegen, den Rücken nicht lösen und so weiter - die Liste ist endlos. 

Versuche dennoch, dich bei der Faszien Arbeit von deiner Vorstellung darüber, was du heute erreichen oder gar heilen möchtest, zu lösen. Behandle immer das ganze Pferd (nicht notwendigerweise in einer Sitzung, aber in einer Sitzungsserie). Versteife dich nicht auf das, was du willst, sondern beobachte interessiert, was kommt.

 

3. Achte auf deine eigene Körperhaltung 

Bevor du die Faszien Deines Pferdes mobilisierst, achte jedes Mal auf deine eigene Körperhaltung. Ein steifer Mensch mit schlechter Körperhaltung kann nicht erwarten, dass sein Pferd sich gelassen und elegant bewegt. Wer mit vorgeschobenen Becken, einem runden Rücken und steifen Beinen am Pferd arbeitet hat aber auch noch einen anderen Nachteil: Sollte sich das Pferd einmal spontan bewegen, hat man kaum noch die Möglichkeit, sich ausreichend schnell aus der Gefahrenzone zu bewegen. 

Vor allem aber werden bei richtiger Körperhaltung deine Techniken viel feinfühliger und effizienter werden. Merke: (Fast) immer wenn du Kraft brauchst, machst du etwas falsch. Vor allem, wenn die Kraft nicht aus den Beinen und der Körpermitte kommt, sondern du mit den Armen und Händen drückst. 

Lösen des Zungenbeins
Eine der wichtigsten Release Reaktionen ist das Abschlecken :)

4. Höre zu, sieh zu und vor allem: Fühl was passiert

In der Regel merkt dein Pferd schnell, dass es (ausnahmsweise?) mal nichts leisten muss, sich entspannen darf und du dich um es kümmerst. Du erkennst das daran, dass das Pferd sich entspannt, die Augen weich werden und es gelöst atmet. Trotz aller Entspannung ist es voll bei Dir und hört sehr aufmerksam zu. Dies merkst Du am Blick, an seinen Ohren und auch daran, dass es sich in deine Technik lehnt. Sei du also auch mit Kopf und Gefühl beim Pferd und denke immer an die Dialogsituation. Hört euch gegenseitig zu. 

Neben den genannten Merkmalen findet der wichtigste Austausch über eure Berührung statt. Das Pferd spürt deinen Druck. Du spürst sein Atemmuster und vor allem die Antwort seines Gewebes. Bei den meisten Techniken der Faszien Mobilisation spürt man das Gewebe “schmelzen”. Nur wenn Du hier kraftlos (siehe oben zur richtigen Körperhaltung) und aufmerksam zuhörst, spürst du, was das Gewebe braucht. Die Intensität des Druckes, die Langsamkeit der Bewegung und sogar die Richtung der Technik wird so vorgegeben. Lerne, hier immer feiner zuzuhören und du wirst mit geringerem Aufwand mehr erreichen. Und du weißt immer genau, was zu tun ist.

An dieser Stelle ein kleiner Hinweis zu “Hilfsmitteln”. Wie beim der Faszien Therapie am Menschen auch, versuchen viele auch im Bereich Pferde aus den neuen Erkenntnissen Kapital zu schlagen und Produkte zu verkaufen. 

Vor allem von Rundhölzern und Zahnrädern habe ich hier erfahren. Von diesen Geräten rate ich euch dringend ab, da ihr überhaupt nicht mehr fühlen könnt, wie das Gewebe euch antwortet. Aus dem Miteinander mit dem Pferd wird ein Machen am Pferd. Ihr spürt nichts mehr. 

Was auch gerne vergessen wird: Faszien sind Gewebe. Wer mit einem Zahnrad über sein Pferd rollt, der erzeugt lediglich auf einer Linie Druckpunkte. Von Dehnung, Matrixaustausch oder Lösen des Gewebes kann da keine Rede sein. Und es droht Verletzungsgefahr: Wer das Gewebe nicht spürt, drückt schnell zu stark; nach dem Motto “viel hilft viel”. Auch das Gegenteil kann passieren. Weil man nichts spürt, ist der Druck viel zu gering und man verschwendet seine Zeit. 

Die gute Nachricht: Ihr braucht überhaupt kein Geld für Werkzeuge auszugeben, da ihr das vielseitigste und gefühlvollste Werkzeug immer bei Euch habt: Eure Arme, Hände und Finger. 

 

5. Gib dem Pferd Raum für seine Releases

Euer Pferd wird euch während und nach der Sitzung immer wieder Release-Reaktionen anbieten. Typisch sind Kauen, Schlecken, Seufzen, Scharren, sich Wälzen und so weiter. Diese Reaktionen erkennt jeder, der sein Pferd liebt, sofort. 

Gebt Eurem Pferd für diese Reaktionen Zeit und Raum. Das heißt, wenn eine solche Reaktion beginnt, macht eine Pause und geht ein paar Schritte vom Pferd weg. Beobachtet es und erfreut euch an seinem sichtlichen Wohlergehen. Ihr kennt das auch vom Reitunterricht und der Bodenarbeit: Wenn das Pferd zufrieden kaut, ist dies der Moment, in dem es lernt - wo der Groschen fällt. Gönnt ihm diese Zeit genauso in der Faszien Arbeit. 

Auch wichtig: Manche Pferde halten sich zurück. Manchmal ist es gut, sich mal zehn Meter wegzustellen und so zu tun, als würdet ihr das Pferd nicht mehr beobachten. Und erst dann kommt der volle Release. Manche Pferde sind halt schüchterner als andere. 

 

So macht die Faszien Arbeit am Pferd wirklich Spaß
Faszien Arbeit ist Dialog, Partnerschaft und Freude

6. Lass dein Pferd das Tempo vorgeben

Wenn du mit der Faszien Arbeit beginnst, sollest du eine Vorstellung davon haben, was du heute tun willst. Dies ergibt sich oft aus der ersten Beobachtung des Pferdes in Bewegung (mehr zur Strukturellen Bewegungsanalyse ein anderes Mal) oder weil du als Reiter die Themen deines Pferdes ohnehin gut kennst. 

Oder die heutige Sitzung ist die logische Folge der vorherigen Behandlung. 

Wie dem auch sei: Bei Beginn der Behandlung sollte das Pferd schnell ruhig werden und “herunterfahren”. Wenn Du nun schon einige Zeit arbeitest, kann es passieren, dass dein Pferd wieder “hochfährt”. Es verliert seine Aufmerksamkeit, ist vielleicht weniger kooperativ oder das Gewebe antwortet Dir einfach nicht mehr so bereitwillig. 

Ganz egal, was du geplant hattest: Jetzt ist es Zeit aufzuhören. Das Nervensystem des Pferdes hat nun soviel gelernt, wie es aufnehmen kann. Alles weitere wäre zu viel. 

Das gilt auch, wenn dein Pferd sich zwar nicht “wehrt” aber die Aufmerksamkeit einfach weg ist. Das Pferd steht zwar noch brav da, aber der Dialog ist eingeschlafen. Spüre diesen Moment und beende dann die Unterhaltung. 

 

7. Nach der Behandlung gönne dem Pferd zwei Tage Pause

Viele Zuschauer sind ja erstaunt, was so ein kleiner Mensch an einem vielleicht acht bis zehnmal schwereren Tier so auslösen kann. Und dann noch mit so einfachen, langsamen Bewegungen. Und dennoch: In der Regel brauchen Pferde ganze zwei Tage um den von dir gesetzten Input zu verdauen. Wie nach dem Sport gilt auch hier: Die Ruhephase ist Teil des Trainings und von gleicher Bedeutung.

Diese Ruhe solltest Du Deinem Pferd gönnen und es zwei Tage nicht reiten. Es ist gut möglich, dass es in dieser Zeit steif und bewegungsunlustig ist. Bei Stallhaltung braucht es natürlich trotzdem Bewegung, aber wieviel und was genau, das solltest du beobachten und akzeptieren. 

 

Und noch ein letzter Tipp: Beobachte und lerne

Schaue dir dein Pferd jedes Mal vor und nach der Sitzung an. Was verändert sich an seiner Bewegungsqualität und vielleicht auch an seinem Verhalten? Merke dir, was du in jeder Sitzung bearbeitest und mache beim nächsten Mal dort weiter. Verlass dich auf dein Gefühl, arbeite aber auch immer gesamtheitlich und nicht nur an deinen oder seinen Lieblingsstellen. 

Versuche, in jeder Sitzung deiner Körperhaltung und dein Feingefühl zu verbessern. 

 

Wer so arbeitet hat für immer Spaß an der Faszien Therapie und verbessert sein Können zum Wohle des Pferdes und für eine tiefe Partnerschaft. 

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